Ramadan in Berlin gegen Ende des 2. Weltkrieges
Mohammad Aman Hobohm
Am 20. Juni 1948 führen die alliierten Militärregierungen in den damaligen Westzonen eine Währungsreform durch. Drei Tage später folgen die Sowjets mit einer Währungsreform für die Ostzone und ganz Berlin. Die Westmächte erklären diese Maßnahme für nichtig und führen die westdeutsche Währung am 24. Juni auch in den Berliner Westsektoren ein. Daraufhin unterbricht die „Sowjetische Militäradministration für Deutschland” den gesamten Interzonenverkehr und sperrt alle Zufahrtswege und Lieferungen nach Berlin. Die vollständige Blockade der Berliner Westsektoren hat begonnen - am 24.Juni 1948. Sie dauerte 13 Monate.
Noch während dieser Blockade, im Juni des folgenden Jahres, flog ich von London kommend in Berlin ein, um die Leitung der Berliner Moschee zu übernehmen. Und noch während dieser Blockade erlebte ich meinen ersten Ramadan in Berlin, den Ramadan des Jahres 1368 n.d.H.
Die mehreren Tausend Muslime, die noch während des Krieges in Berlin gelebt hatten, waren durch die Kriegsereignisse, durch die Bombenangriffe und die Straßenkämpfe, die die Eroberung Berlins durch die Rote Armee begleiteten, in alle Winde zerstreut. Nur wenige, ein paar Hundert vielleicht, waren in der Stadt geblieben. Sie hatten Schweres erlebt, und so mancher Bruder und so manche Schwester waren im Bombenhagel und im Kreuzfeuer der Angreifer und Verteidiger umgekommen. Besonders tragisch war das Schicksal derer, die von den Sowjets nach Kriegsende verschleppt wurden. Ich erinnere mich an die junge Sonya Hadjuff, die, obwohl sie in Berlin geboren und deutsche Staatsangehörige war, von den Sowjets verhaftet und in die „große sowjetische Heimat“ repatriiert wurde, nur weil ihr verstorbener Vater ein Tatar war, der als Kriegsgefangener im ersten Weltkrieg nach Deutschland gekommen war und dort mit seiner deutschen Frau, Schwester Fatima, eine Familie gegründet hatte. Wir haben nie wieder etwas von Sonya gehört, und ihre Mutter ist schließlich vor Gram gestorben.
Diese Handvoll Muslime war über ganz Berlin verstreut. Sie wohnten im Westend und in Lichtenberg, in Reinickendorf und in Neukölln, in Wilmersdorf und Friedenau, und ein jeder hatte zunächst einmal genug mit sich selbst zu tun.
Es dauerte eine Weile, bis man sich wieder zu gemeinsamen Treffen zusammenfand, die zumeist in der vom Krieg arg mitgenommenen Moschee in der Briennerstraße in Wilmersdorf stattfanden. Ich habe mir berichten lassen, dass es vor allem die Brüder Mustafa Konieczny, Manzuruddin Ahmed und die Schwester Amina Mosler waren, die sich der versprengten Gemeinde annahmen und sie wieder zusammenführten. Aber selbst Freitagsgebete, zu denen vielleicht zehn, fünfzehn oder im günstigsten Fall zwanzig Brüder und Schwestern kommen konnten, bedurften einiger Vorbereitungen: Im Winter musste jeder eine Tüte Kohlen oder ein Brikett mitbringen, um den kleinen Kanonenofen in Gang zu setzen, durch den der Versammlungsraum im Wohnhaus des Imams, wo die Gebete stattfanden, beheizt wurde. Und jeder, der zum Gebet kam, erhielt einen Teller Suppe, um sich zu stärken, weil er wegen der noch immer nicht richtig funktionierenden Verkehrsmittel schon am frühen Morgen von zu Hause aufbrechen musste, um rechtzeitig zum Gebet in der Moschee zu sein.
Die Verhältnisse hatten sich zwar bis zu meinem Eintreffen in Berlin im Sommer 1949 schon wesentlich gebessert, aber von einem regen Gemeindeleben mit regelmäßigen Veranstaltungen war man noch weit entfernt, nicht zuletzt deshalb, weil die kleine Gemeinde über das ganze Stadtgebiet verteilt war und weil es immer noch schwierig war, zusammenzukommen.
Dadurch war auch der Ramadan in jenen Jahren in Berlin eine Angelegenheit, die in erster Linie den Einzelnen betraf. Er wurde in der Familie begangen. An ein gemeinsames Iftar mit anschließendem Maghrib-Gebet war nicht zu denken, von Tarawih-Gebeten gar nicht zu reden.
Erschwerend kam hinzu, dass bekanntlich im Juni die Morgendämmerung „mitten in der Nacht”, nämlich gegen 3.00 Uhr einsetzt, Sonnenaufgang kurz nach 5.00 Uhr ist, und die Sonne erst um halb zehn Uhr abends untergeht. Was das schon unter normalen Verhältnissen bedeutet, bedarf keiner Erklärung. Im Berlin so kurz nach dem Inferno, durch das die Einwohner, Muslim und Nichtmuslim gleichermaßen, hindurchgegangen waren, wurde das Fasten zu einem Akt besonderer Willenskraft und höchster Gottesliebe und Gottesfurcht.
So wurde denn auch von Gemeindemitgliedern die Bitte geäußert, die Gelehrten von Al-Azhar in Kairo um ein Gutachten zu ersuchen, ob an Orten wie Berlin im Sommer nicht eine kürzere tägliche Fastenzeit eingehalten werden könne. Ein solches Gutachten erging dann auch. In der Antwort schrieben die Gelehrten, dass man sich, wenn Sonnenuntergang und Morgendämmerung zu nahe beieinander liegen, an die Fastenzeiten von Medina halten könne. Dort habe der Prophet, auf dem der Frieden und der Segen Gottes ruhen möge, das Fastengebot von Allah erhalten, und dort - in der Stadt des Propheten - seien Tag und Nacht während des ganzen Jahres niemals von extremer Länge. Es spricht für den Glaubenseifer unserer Schwestern und Brüder in Berlin, dass sie es trotz dieses Fatwas nicht übers Herz bringen konnten, das tägliche Fasten zu beginnen und zu beenden, wenn die Sonne bereits oder noch hoch am Himmel stand.
Kaum einer aber ließ es sich nehmen, am Fest des Fastenbrechens, dem ´Id-ul Fitr, zum Festgebet in die Moschee zu kommen und dort nach dem Gebet bis zum Abend im Kreis der Schwestern und Brüder zu verweilen. Dies aber war nur dann möglich, wenn man im voraus wusste, wann das Fest begangen würde, denn es musste ein Tag Urlaub genommen werden, die Kinder mussten vom Schulunterricht befreit werden, und man musste sein Haus aus den schon beschriebenen Gründen frühzeitig verlassen, um das Gebet, auch wenn es erst auf 10.00 Uhr angesetzt war, nicht zu verpassen. So waren wir, ob wir wollten oder nicht, auf die Berechnungen der Sternwarte für die Bestimmung des Endes - wie auch des Beginns - des Fastenmonats angewiesen. Auf das Sichten des Mondes konnten wir nicht warten, abgesehen davon, dass das in unseren Breiten sowieso nur ganz selten möglich ist. Allah möge uns unsere Abweichung von den Vorschriften vergeben. Es gab für uns keinen anderen Weg.
Doch wenn auch der Ramadan damals in Berlin nur unter großen Schwierigkeiten eingehalten werden konnte, wenn wir auf vieles verzichten mussten, was den Ramadan in muslimischen Ländern begleitet, wenn wir verzichten mussten auf die besondere Atmosphäre, die in diesem gesegneten Monat überall in der muslimischen Welt herrscht, wenn wir vielleicht so manches auch nicht ganz so richtig gemacht haben, nicht ganz so richtig machen konnten, wie es die Schari’a vorschreibt - eines kann man uns, die wir damals den Ramadan in Berlin begingen, die wir damals das Fasten unter widrigsten Umständen einhielten, nicht absprechen: auch wir waren einzig und allein von der Absicht beseelt, eine hehre Pflicht zu erfüllen, im Fasten dem Allmächtigen zu dienen, denn Fasten ist Gottesdienst, Ihm nahe zu kommen, und im Fasten eins zu sein mit den Millionen und Abermillionen von Schwestern und Brüdern überall in der Welt, die gleich uns durch ihr Fasten nur ein Ziel verfolgen: ihre Hingabe an Allah unter allen, auch den widrigsten Umständen, zu beweisen.
Aus: Islam hier und heute, 1/1996

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