Ramadan – Monat der Wohltätigkeit
Liebe Geschwister, wir sind mitten im Ramadan. Aber während wir unsere Herzen und Seelen ohne wirklich größere Anstrengungen in den Gärten der Tugenden erfrischen dürfen, mag bei Menschen anderswo auf der Welt die Freude über den Ramadan nicht so recht aufkommen. Zu allgegenwärtig sind Hunger und Elend, Krieg und Angst, Krankheit und Tod. Für diese Menschen bringt der Ramadan jedoch die tröstende Hoffnung, dass die Muslime, denen es besser geht als ihnen, sich an sie erinnern und die Tugend des Spendens besonders pflegen. Denn der Ramadan ist auch die Hochsaison der guten Werke, ein „Monat der Wohltätigkeit“, wie es nach einem Prophetenwort heißt (überliefert in Mischkat). Allah fordert uns wiederholt auf, im Vollbringen guter Werke miteinander zu wetteifern, so heißt es im Koran beispielsweise: „ ... also wetteifert in den guten Taten, ...“ (5:48).
Die Gefährten des Propheten Muhammad (s) waren stets bemüht, sich im Vollbringen guter Taten zu übertreffen. Aslam z.B. berichtete: „Ich hörte Umar Ibn al-Chattab sagen: ‚Allahs Gesandter trug uns auf, zu spenden, und dies fiel damit zusammen, dass ich Geld hatte. So sagte ich: Heute übertreffe ich Abu Bakr, sollte ich ihn jemals übertreffen. Und so kam ich mit der Hälfte meines Geldes (zum Propheten). Da fragte Allahs Gesandter: Was hast du deiner Familie übrig gelassen? Ich antwortete: Ein Gleiches davon. Dann kam Abu Bakr mit allem, was er hatte, woraufhin (der Prophet) fragte: Abu Bakr, was hast du deiner Familie übrig gelassen? Darauf sagte Abu Bakr: Allah und Seinen Gesandten! Daraufhin sagte ich: Bei Allah! Ich werde ihn niemals übertreffen’“ (Tirmidhi).
Im segenbringenden Ramadan ist derjenige, der „sich in ihm ein bisschen dem Guten nähert, ... wie jemand, der in den übrigen Monaten eine (religiöse) Pflicht erfüllt hat; und derjenige, der in ihm eine Pflicht erfüllt, ... wie jemand, der in den übrigen (Monaten) siebzig Pflichten erfüllt hat“ (Mischkat). Also sollte man speziell im Ramadan darauf bedacht sein, Allahs Aufforderung, in den guten Werken zu wetteifern, in die Tat umzusetzen. „Allahs Gesandter (s), war im Ramadan gewöhnlich der freigiebigste der Menschen, und er war noch freigiebiger (als sonst) im Ramadan, wenn Gabriel zu ihm gekommen war, und Gabriel pflegte jede Nacht im Ramadan zu ihm zu kommen und mit ihm den Koran zu lernen; und Allahs Gesandter (s) war, wenn Gabriel zu ihm gekommen war, noch freigiebiger als der Wind der Regenwolken“ (Buchari, Muslim).
Liebe Geschwister, gebt Sadaqa (Spenden) im Ramadan je nach persönlichem Vermögen. Untenstehend folgen nur einige Beispiele für gute Werke, die man im Ramadan vollbringen kann.
1. DIE SPEISUNG
Zu den verdienstvollsten Arten der Sadaqa gehört die Speisung. Allah sagt im Heiligen Koran: „Und sie geben die Speise, aus Liebe zu Ihm, dem Armen und der Waise und dem Gefangenen: ‚Wir geben euch Speise um des Antlitzes Allahs willen, wir möchten von euch kein Vergelten und keinen Dank, wir fürchten von unserem Herrn einen Tag von Sorgen, äußerst schwer’, also schützt sie Allah vor dem Bösen dieses Tages und überwirft sie mit Glanz und Freude, und Er vergilt ihnen, weil sie geduldig ausharrten, mit einem Garten und Seide, ...“ (76:8-12).
Die früheren Rechtschaffenen waren immerzu um die Speisung anderer bemüht und zogen die Speisung vielen anderen Gottesdiensten vor. Teilweise war ihnen die Speisung sogar lieber als das Freikaufen von Unfreien. Dabei war es gleich, ob sie einen Hungernden speisten oder einen aufrichtigen Bruder, denn der Gespeiste muss nicht arm sein. Der Prophet (s) sagte: „Einen jeden Gläubigen, der einen Gläubigen speist, nachdem dieser hungrig war, wird Allah am Tag der Auferstehung von den Früchten des Paradieses speisen ...“ (Tirmidhi).
Einige der frühen, aufrichtigen Muslime zogen es sogar vor, ihre eigene Speise, mit der sie ihr Fasten brechen sollten, weiterzugeben und selbst nur mit Geringem auszukommen. Darunter waren Dawud at-Ta’i, Malik Ibn Dinar, Ahmad Ibn Hanbal und Ibn Umar. Ibn Umar pflegte sein Fasten mit den Armen und Waisen zu brechen. Andere wie al-Hassan und Ibn al-Mubarak wiederum speisten ihre muslimischen Geschwister, während sie selbst fasteten; sie bedienten sie und kümmerten sich liebevoll um sie. Abu s-Suwaari l-’Adawi berichtete: „Es gab von den Bani ’Adij welche, die in dieser Moschee beteten, die niemals alleine ihr Fasten brachen. Wenn sie jemanden fanden, der mit ihnen speiste, aßen sie, und wenn sie keinen fanden, der mit ihnen speiste, brachten sie ihre Speise in die Moschee. Dort speisten sie dann gemeinsam mit den (dort anwesenden) Menschen.“
Mit der ’Ibada (Gottesdienst) der Speisung gehen viele andere Arten der ’Ibada einher, wie beispielsweise das Üben von Nächstenliebe. Dies wiederum kann dazu führen, dass man in den Paradiesgarten eintritt. Allahs Gesandter (s) hat gesagt: „Ihr werdet nicht in den Paradiesgarten eintreten, bis ihr glaubt, und ihr glaubt nicht, bis ihr einander liebt...“ (Muslim). Auch kann man auf Belohnung dafür hoffen, aufrichtige Gläubige durch die Speisung zum Vollbringen frommer Handlungen gestärkt und sie somit darin unterstützt zu haben.
2. DIE SPEISUNG VON FASTENDEN BEIM FASTENBRECHEN
Allahs Gesandter (s) hat gesagt: „Wer einem Fastenden zum Fastenbrechen verhilft, (indem er ihn zur Zeit des Fastenbrechens mit Essen versorgt), hat den gleichen Lohn wie er, ohne dass es den Lohn des Fastenden irgendwie schmälert“ (Tirmidhi). Nach einem Hadith von Salman al-Farisi heißt es: „‚Wer einem Fastenden zum Fastenbrechen verhilft, für den ist dies Vergebung seiner Sünden und Errettung aus dem Höllenfeuer, und er hat den gleichen Lohn wie der Fastende, ohne dass es dessen Lohn irgendwie schmälert.’ Wir sagten: ‚Gesandter Allahs, nicht alle von uns finden etwas, womit wir den Fastenden zum Fastenbrechen verhelfen können.’ Da sagte Allahs Gesandter (s): ‚Allah gewährt diese Belohnung demjenigen, der einem Fastenden mit gewässerter Milch, einer Dattel oder einem Schluck Wasser zum Fastenbrechen verhilft. Und wer einen Fastenden satt macht, dem wird Allah aus meinem Becken ([1]) zu trinken geben ([2]), wonach er niemals mehr Durst leiden wird, bis er ins Paradies eintritt’“ (Baihaqi, Ibn Chuzaima).
3. PFLEGEN DER VERWANDSCHAFTSBANDE
Liebe Geschwister, zu den verdienstvollen Werken im Ramadan gehört es auch, sich im Ramadan verstärkt um die Verwandten zu bemühen. Seid gütig zu euren Eltern und sucht ihre Nähe. Begegnet eurem Ehepartner, euren Kindern und Verwandten bewusst zuvorkommend, mit verständigem Rat, einem guten Wort und liebevollem Umgang. Pflegt die Verwandtschaftsbande und gebt den Bedürftigen unter euren Verwandten Sadaqa. Besucht eure Nachbarn und erkundigt euch nach ihrem Befinden. Habt eine offene, helfende Hand für die Armen und Mittellosen, die Witwen und die Waisen. Denn dies ist der Brauch der Rechtschaffenen im Monat der Wohltätigkeit.
4. DHIKR UND DU’A – ALLAHS GEDENKEN UND BITTGEBETE
Gedenkt Allahs vermehrt im Ramadan und bittet Ihn um Seine Vergebung. Tut dies vor allem, wenn ihr euer Fasten brecht. Denn Allahs Gesandter (s) hat gesagt: „Von dreien wird das Bittgebet nicht zurückgewiesen: Vom Fastenden, wenn er das Fasten bricht, vom gerechten Imam, und das Bittgebet des Unterdrückten. Allah erhebt es über die Wolken, und die Tore des Himmels werden dafür geöffnet, und der Herr spricht: ‚Bei meiner Macht und Herrlichkeit, Ich werde dir bestimmt beistehen, und sei es (erst) nach einiger Zeit’“ (Ahmad, Tirmidhi, Ibn Madscha). Eine weitere, segensreiche Zeit für Bittgebete ist das letzte Drittel der Nacht. Der Prophet (s) sagte: „Unser Herr, der Segenreiche und Erhabene, kommt jede Nacht zum untersten Himmel herab, wenn (nur noch) das letzte Drittel der Nacht verbleibt, und Er spricht: ‚Wer ruft zu mir, so dass Ich ihm antworte? Wer erbittet von Mir, so dass Ich ihm gewähre? Wer verlangt Vergebung von Mir, so dass Ich ihm vergebe?’“ (Buchari, Muslim, Tirmidhi, Ibn Madscha).
5. FREIGIEBIGKEIT
Wie erwähnt, ist der Ramadan der Monat der Wohltätigkeit, und Allahs Gesandter (s) pflegte in ihm freigiebiger zu sein als der „Wind der Regenwolken.“ Man kann auf vielerlei Arten und Weisen freigiebig sein; jeder kann freigiebig sein, womit er kann. Der Prophet Muhammad (s) sagte: „Jede gute Tat ist (wie) Almosengeben. Zu den guten Taten gehört, dass du deinem Bruder mit freundlichem Gesicht begegnest, und dass du das (Wasser-) Gefäß deines Bruders aus deinem Eimer füllst“ (Tirmidhi, Ahmad). Und diejenigen, die gegenüber den Knechten Allahs freigiebig sind, wird Allah durch Wohltaten und Gaben großzügig beschenken. Nach Allahs Gesandtem (s) sprach Allah: „Gebt, Kinder Adams, dann will Ich euch geben“ (Buchari, Muslim).
Zu den nobelsten Arten der Freigiebigkeit gehört es, die Menschen gut zu behandeln und ihnen auf jegliche Art und Weise dienlich zu sein: sei es durch das Speisen eines Hungrigen, das Erfüllen eines Bedürfnisses, die Unterstützung eines Mittellosen etc. Der Prophet Muhammad (s) sagte: „Einen jeden Gläubigen, der einen Gläubigen speist, nachdem dieser hungrig war, wird Allah am Tag der Auferstehung von den Früchten des Paradieses speisen. Und einem jeden Gläubigen, der einem Gläubigen zu trinken gibt, nachdem dieser durstig war, wird Allah am Tag der Auferstehung von ar-Rahiqu l-machtum ([3]) zu trinken geben. Und einen jeden Gläubigen, der einen Gläubigen kleidet, nachdem dieser entblößt war, wird Allah mit den grünen (Gewändern) ([4]) des Paradieses kleiden“ (Tirmidhi).
Ein Aufrichtiger begehrte eine Speise als er fastete, und sie wurde ihm zur Zeit des Fastenbrechens vorgelegt. Da hörte er die Stimme eines Bittenden: „Wer ist es, der dem Erhabenen, Verlässlichen, Reichen ein Darlehen leiht (, indem er mir spendet)?“ ([5]) Der Aufrichtige antwortete: „Sein Knecht, dem es an guten Taten ermangelt“, und nahm seine Schüssel, ging hinaus, gab sie dem Bittenden und ging mit leerem Magen zu Bett. Allah sagt: „... und sie ziehen sie vor gegenüber sich selber, und wenn es für sie Entbehrung wäre, und wer vor der Knausrigkeit seiner selbst bewahrt wird, also diesen, ihnen ergeht es wohl“ (59:9).
Ihr Gläubigen, überall auf der Welt gibt es Arme, die keine Überlebensquelle haben außer euch, heimatlose Vertriebene ohne Zufluchtsstätte außer euch. Sie durchleben bittere Zeiten in denen Mord, Vertreibung, Zerstörung und andere schwere Prüfungen zum Alltag gehören - und es gibt keine Macht noch Kraft außer bei Allah!
O Umma Muhammads, Umma des Propheten der Barmherzigkeit und Güte, des Propheten des Mitleids, der Freigiebigkeit und Nächstenliebe, Allah segne ihn reichlich und schenke ihm Heil! Fürchtet Allah wegen euren Geschwistern! Denkt daran, wie sie leben, und bemüht euch nach Kräften, ihnen beizustehen mit eurem Vermögen, durch Speisungen, mit Kleidung und Medizin. Allah der Erhabene sagt: „und was ihr hergebt, so ersetzt Er es, und Er ist der beste Versorger!“ (34:39).
Denkt im Ramadan an eure unterdrückten Geschwister überall auf der Welt, widmet ihnen eure aufrichtigen Bittgebete in demütigem Flehen. Sagte doch der Prophet (s): „Von dreien wird das Bittgebet nicht zurückgewiesen ...“ und zählte unter ihnen den Fastenden auf, wenn er sein Fasten bricht (Ahmad, Tirmidhi, Ibn Madscha).
muslimehelfen benötigen eure Unterstützung auf allen Ebenen, besonders in diesem Monat der Freigiebigkeit und Wohltätigkeit. Der Prophet (s) sagte: „Sadaqa hat noch keinen Besitz geschmälert ...“ (Muslim). Und er (s) sagte: „Schützt euch vor dem Feuer, und sei es mit einer halben Dattel“ (Buchari, Muslim).
Wie sehr bedürfen wir es doch, das Fasten der Aufrichtigen zu fasten und diesen gesegneten Monat reinen Herzens gegenüber unseren Geschwistern zu beginnen! Wie sehr bedürfen wir es doch, den Blick der Barmherzigen auf die Unglücklichen und Bedürftigen zu richten, den Blick der Barmherzigen und Gütigen! Denn „Allah erbarmt sich derer von seinen Knechten, die barmherzig sind“ (Buchari).
Seid mildtätig mit den Unglücklichen, Mittellosen und Heimgesuchten. Der Prophet (s) sagte: „Die Sadaqa im Verborgenen löscht den Zorn des Herrn aus“ (as-Sujuti). Und so hat Allah durch viele gute Taten an Heimgesuchten und Spenden für Betrübte unzählige Sünden ausgelöscht und viele Fehler seiner Knechte verborgen. So hofft also auf eure Belohnung bei Allah!
Das Fasten erinnert uns an unsere Geschwister, die jeglicher Lebensgrundlage entbehren. Das Fasten erinnert uns an die leeren Bäuche, die nach Wasser und Nahrung schreien – so hofft auf eure Belohnung bei Allah! „...Wer einen Muslim von einer Sorge befreit, den wird Allah von einer Sorge von den Sorgen des Tages der Auferstehung befreien...“ (Muslim). Gebt den Mittellosen, seid gütig mit den Bedürftigen. Denn wie oft ist die Sonne im Ramadan untergegangen und mit ihr die Sünden der Knechte des Barmherzigen, des Allerbarmers!
Seid barmherzig, denn Allah erbarmt sich derer, die barmherzig sind.
Anmerkungen
([1]) Haudu r-Rasul, „das Becken des Gesandten“. Gemeint ist al-Kauthar, ein Gewässer, das dem Paradies entspringt und als Wasserbecken für die Gemeinschaft des Propheten dient (vgl. auch Sure 108: „al-Kauthar“).
([2]) Gemeint ist am Tag der Auferstehung, der den Glaubensverweigerern so lange wie 50.000 Jahre dauert (70:4), aber den Gläubigen erleichtert wird.
([3]) Ar-Rahiqu l-machtum: erlesener, mit Moschus versiegelter Rebensaft (vgl. 83:25).
([4]) „Grüne Gewänder aus Seidenbrokat“ (vgl. 71:21).
([5]) Vgl. 2:245.
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