Im islamischen Monat Rabīʿ al-Awwal fanden in der frühislamischen Geschichte mehrere bedeutende Ereignisse statt. In diesem Monat wurde nach der bekannten Überlieferung der Prophet Muhammad ﷺ geboren, und auch sein Tod wird von den Gelehrten in diesen Monat datiert. Ebenso fand die Hidschra des Propheten ﷺ nach Medina in Rabīʿ al-Awwal statt.
In vielen Teilen der muslimischen Welt wird deshalb alljährlich der sogenannte Mawlid an-Nabawī, also die Feier der Geburt des Propheten ﷺ, begangen. Manche Muslime verbinden damit das Lesen aus seiner Sīra, Lobpreisungen, das Verteilen von Essen und das Erinnern an seinen Charakter und seine Botschaft.
Doch eine wichtige Frage darf dabei nicht unbeachtet bleiben:
Ist die jährliche Feier des Geburtstages des Propheten ﷺ tatsächlich eine Handlung, die im Islam als Gottesdienst vorgeschrieben oder empfohlen wurde?
Um diese Frage zu beantworten, muss man zwischen der Liebe zum Propheten ﷺ und der religiösen Form, in der diese Liebe zum Ausdruck gebracht wird, unterscheiden.
Die Gelehrten sind sich darüber einig, dass der Prophet Muhammad ﷺ an einem Montag geboren wurde. Als er nach dem Fasten am Montag gefragt wurde, sagte er:
„Das ist der Tag, an dem ich geboren wurde und an dem mir die Offenbarung herabgesandt wurde.“
Überliefert bei Muslim.
Diese Überlieferung ist von großer Bedeutung. Sie zeigt, dass der Prophet ﷺ seine Geburt durchaus erwähnte und den Montag mit diesem Ereignis verband.
Doch wie ging er mit diesem Wissen um?
Er machte daraus kein jährliches Fest. Vielmehr fastete er montags regelmäßig.
Damit finden wir in der Sunna einen konkreten Umgang mit dem Gedenken an seine Geburt: Dankbarkeit gegenüber Allah durch eine bereits vorgeschriebene Form der Anbetung – das Fasten.
Gerade dieser Punkt ist entscheidend. Der Prophet ﷺ wusste, wann er geboren worden war, und er wusste um die Bedeutung dieses Tages. Dennoch führte er keine jährliche Feier seines Geburtstages ein.
Auch das häufig genannte Datum des 12. Rabīʿ al-Awwal sollte nicht mit einer Sicherheit dargestellt werden, die die Quellen nicht hergeben.
Über den genauen Tag seiner Geburt gibt es unterschiedliche Angaben. Genannt wurden unter anderem der 2., 8., 9., 10. und 12. Rabīʿ al-Awwal.
Daher lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen, dass der Prophet ﷺ am 12. Rabīʿ al-Awwal geboren wurde.
Das ist für die Frage nach dem Mawlid nicht nebensächlich. Denn wenn ein bestimmter Tag jedes Jahr als religiöser Anlass begangen werden soll, müsste zunächst eindeutig feststehen, dass dieser Tag tatsächlich der Geburtstag des Propheten ﷺ ist.
Das steht jedoch nicht mit zweifelsfreier Sicherheit fest.
Rabīʿ al-Awwal ist nicht nur wegen der Geburt des Propheten ﷺ bedeutsam. Auch die Hidschra nach Medina gehört zu den großen Ereignissen der islamischen Geschichte.
Die Gefährten des Propheten ﷺ maßen der Hidschra eine außerordentliche Bedeutung bei. Als später die islamische Zeitrechnung festgelegt wurde, entschied man sich unter ʿUmar ibn al-Chattāb رضي الله عنه für die Hidschra als Ausgangspunkt.
Das zeigt, dass die frühen Muslime historische Ereignisse durchaus kannten und ihre Bedeutung verstanden.
Doch sie führten deshalb keine jährlichen religiösen Feiern dieser Ereignisse ein.
Auch die Geburt des Propheten ﷺ wurde von den Ṣaḥāba nicht jedes Jahr als religiöses Fest begangen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt wird häufig übersehen: Auch der Tod des Propheten ﷺ wird von den Gelehrten auf einen Montag im Rabīʿ al-Awwal datiert, wobei häufig der 12. Rabīʿ al-Awwal genannt wird.
Sein Tod war für die Ṣaḥāba eine der schwersten Prüfungen überhaupt.
Der Prophet ﷺ war nicht nur ihr Lehrer und Führer. Er war der Gesandte Allahs, durch den ihnen die Offenbarung übermittelt worden war. Mit seinem Tod endete die Offenbarung und das Prophetentum.
Daher ist Rabīʿ al-Awwal nicht einfach ein Monat der Freude über die Geburt des Propheten ﷺ. In ihm liegt auch die Erinnerung an seinen Tod.
Entscheidend ist jedoch etwas anderes:
Weder seine Geburt noch sein Tod wurden von den Ṣaḥāba zu einem jährlich wiederkehrenden religiösen Fest gemacht.
Niemand liebte den Propheten ﷺ mehr als seine Gefährten.
Sie waren bereit, für ihn ihr Vermögen, ihre Heimat und teilweise sogar ihr Leben einzusetzen. Sie bewahrten seine Aussagen, beobachteten seine Handlungen und bemühten sich, seiner Sunna zu folgen.
Wenn also die jährliche Feier seiner Geburt eine besondere religiöse Handlung gewesen wäre, wäre zu erwarten, dass gerade die Ṣaḥāba diese Handlung zuerst praktiziert hätten.
Doch es ist nicht überliefert, dass Abū Bakr, ʿUmar, ʿUthmān oder ʿAlī رضي الله عنهم den Geburtstag des Propheten ﷺ jährlich feierten.
Ebenso wenig ist eine solche Feier von den großen Gefährten, den Tābiʿūn oder denjenigen frühen Generationen bekannt, die dem Propheten ﷺ zeitlich am nächsten standen.
Das ist ein starkes Argument.
Denn die Ṣaḥāba hatten den Propheten ﷺ unmittelbar erlebt. Sie kannten seine Liebe, seine Gewohnheiten und seine Anweisungen besser als spätere Generationen.
Ihre Liebe zum Propheten ﷺ bestand nicht darin, einen neuen jährlichen Festtag einzuführen, sondern darin, seiner Sunna zu folgen.
Allah sagt:
„Heute habe Ich für euch eure Religion vollständig gemacht, Meine Gunst an euch vollendet und für euch den Islam als Religion erwählt.“
(Qurʾān 5:3)
Dieser Vers wurde am Tag von ʿArafa während der Abschiedswallfahrt offenbart.
Die Bedeutung dieses Verses ist für die Frage des Mawlid von besonderer Wichtigkeit.
Wenn eine bestimmte Handlung als religiöser Gottesdienst verstanden wird, stellt sich die Frage:
Hat Allah diese Handlung vorgeschrieben oder hat der Gesandte Allahs ﷺ sie gelehrt?
Denn der Islam wurde mit dem Tod des Propheten ﷺ nicht zu einer Religion, die noch auf neue religiöse Festtage warten musste.
Die Religion war vollständig.
Daher kann eine Handlung nicht allein deshalb zu einem religiösen Gottesdienst werden, weil spätere Menschen sie für schön oder nützlich halten.
Die Befürworter des Mawlid bringen häufig ein verständliches Argument vor:
„Wir feiern den Mawlid, weil wir den Propheten ﷺ lieben.“
Diese Liebe ist zweifellos etwas Gutes.
Allah sagt:
„Sag: Wenn ihr Allah liebt, dann folgt mir, so wird Allah euch lieben.“
(Qurʾān 3:31)
Der Vers zeigt, woran sich die Liebe zum Propheten ﷺ messen lässt: an der Befolgung seiner Sunna.
Deshalb darf die Frage nicht lauten:
„Liebst du den Propheten ﷺ?“
Sondern:
„Wie hat der Prophet ﷺ selbst gezeigt, wie diese Liebe religiös zum Ausdruck gebracht werden soll?“
Und hier finden wir keine jährliche Geburtstagsfeier.
Wir finden vielmehr Gebet, Fasten, Ṣalawāt, das Befolgen seiner Sunna, das Lernen seiner Sīra, das Befolgen seiner Anweisungen und das Meiden dessen, was er verboten hat.
Man könnte nun sagen:
„Der Prophet ﷺ hat doch selbst seine Geburt erwähnt und deshalb montags gefastet. Warum sollte man sich dann nicht jährlich an seine Geburt erinnern?“
Der Unterschied ist entscheidend.
Der Prophet ﷺ hat nicht gesagt:
„Feiert jedes Jahr den Tag meiner Geburt.“
Er hat vielmehr erklärt, warum er montags fastete.
Das Fasten am Montag war eine konkrete Handlung der Anbetung, die er selbst praktizierte.
Daraus lässt sich nicht automatisch die Einführung eines neuen jährlichen Festes ableiten.
Im Gegenteil: Wenn man seiner Sunna folgen möchte, liegt es näher, das zu tun, was er tatsächlich tat – nämlich montags zu fasten – anstatt eine neue jährliche Feier einzuführen.
Hier muss man differenzieren.
Das Lesen des Qurʾān ist gut.
Das Geben von Ṣadaqa ist gut.
Das Speisen Bedürftiger ist gut.
Das Erinnern an die Sīra des Propheten ﷺ ist gut.
Das Sprechen von Ṣalawāt ist gut.
Doch die Tatsache, dass einzelne Bestandteile einer Handlung erlaubt oder sogar lobenswert sind, bedeutet nicht automatisch, dass die Zusammenstellung dieser Handlungen zu einem jährlich wiederkehrenden religiösen Fest ebenfalls von der Sunna vorgeschrieben ist.
Man könnte beispielsweise nicht einfach einen neuen jährlichen Gottesdienst einführen und ihn allein dadurch legitimieren, dass seine einzelnen Bestandteile grundsätzlich erlaubt sind.
Die entscheidende Frage ist daher nicht:
„Sind Qurʾān-Lesen, Ṣadaqa und Ṣalawāt erlaubt?“
Natürlich sind sie das.
Die entscheidende Frage lautet:
„Hat die islamische Offenbarung die jährliche Zusammenfassung dieser Handlungen zu einer Feier des Geburtstages des Propheten ﷺ vorgesehen?“
Dafür gibt es keinen authentischen Nachweis aus der Praxis des Propheten ﷺ und seiner Gefährten.
Manchmal wird argumentiert:
„Auch das gemeinschaftliche Tarāwīḥ-Gebet in dieser Form und die Sammlung des Qurʾān zu einem Buch erfolgten erst nach dem Tod des Propheten ﷺ.“
Dieser Vergleich überzeugt jedoch nicht.
Die Sammlung des Qurʾān war keine Einführung eines neuen Gottesdienstes. Der Qurʾān war bereits vollständig offenbart und wurde zu Lebzeiten des Propheten ﷺ auswendig gelernt und niedergeschrieben.
Auch das gemeinschaftliche Gebet im Ramadan hatte eine Grundlage in der Sunna des Propheten ﷺ. Er selbst betete mit seinen Gefährten im Ramadan in Gemeinschaft und erklärte anschließend, dass er lediglich aus Sorge, es könnte ihnen zur Pflicht gemacht werden, nicht dauerhaft mit ihnen hinausging.
Die späteren Maßnahmen der Ṣaḥāba waren daher keine Erfindung eines neuen religiösen Festes ohne Grundlage.
Das unterscheidet diese Beispiele wesentlich von der Einführung eines jährlich wiederkehrenden religiösen Geburtstagsfestes.
Es ist wichtig, die historische Realität nicht zu verschweigen:
Einige spätere Gelehrte haben Formen des Mawlid unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt oder sogar positiv bewertet. Unter ihnen werden beispielsweise Abū Shāma al-Maqdisī, as-Suyūṭī und andere genannt.
Daher wäre es falsch zu behaupten, es habe in der gesamten islamischen Gelehrtentradition niemals eine andere Auffassung gegeben.
Es gibt tatsächlich eine Gelehrtenkontroverse.
Doch die Existenz einer späteren erlaubenden Meinung verändert nicht die grundlegende Frage nach der Praxis des Propheten ﷺ und der frühen Generationen.
Andere Gelehrte lehnten den Mawlid ausdrücklich als religiöse Neuerung ab. So argumentierte beispielsweise der mālikitische Gelehrte Tāj ad-Dīn al-Fākihānī, dass er für den Mawlid keine Grundlage im Qurʾān, in der Sunna oder in der Praxis der frühen maßgeblichen Gelehrten finde.
Auch Gelehrte wie Ibn Bāz vertreten ausdrücklich die Auffassung, dass die Feier des Mawlid nicht vom Propheten ﷺ und seinen Gefährten überliefert sei und deshalb als Bidʿa abzulehnen ist.
Hier liegt ein wichtiger Grundsatz:
Eine gute Absicht ist notwendig, aber sie macht nicht automatisch jede religiöse Handlung zu einer vorgeschriebenen Sunna.
Ein Mensch kann den Mawlid aus echter Liebe zum Propheten ﷺ feiern.
Er kann dabei Qurʾān lesen.
Er kann Bedürftige speisen.
Er kann Ṣalawāt sprechen.
All das kann aus sich heraus gute Handlungen sein.
Aber wenn er daraus einen jährlich wiederkehrenden religiösen Anlass macht und glaubt, dass diese besondere Form eine besondere religiöse Bedeutung besitzt, braucht diese Festlegung einen Beleg aus Qurʾān und Sunna.
Eine gute Absicht ersetzt diesen Beleg nicht.
Darüber hinaus gibt es Formen des Mawlid, bei denen zusätzliche problematische Dinge auftreten: Vermischung von Männern und Frauen, übertriebene Lobpreisungen, Musik und bestimmte Rituale oder sogar Vorstellungen, die der islamischen Glaubenslehre widersprechen.
Solche Dinge sind unabhängig von der grundsätzlichen Frage des Mawlid zu beurteilen.
Der entscheidende Punkt ist jedoch:
Selbst wenn all diese zusätzlichen problematischen Praktiken vollständig entfernt werden, bleibt die Frage nach der jährlichen religiösen Feier bestehen.
Es geht also nicht nur darum, ob bei einer Mawlid-Veranstaltung etwas Verbotenes geschieht.
Die grundlegendere Frage lautet:
Ist die Veranstaltung selbst als jährlich wiederkehrender religiöser Anlass durch die Sunna belegt?
Die stärkste und dauerhafteste Form der Liebe zum Propheten ﷺ besteht nicht darin, einmal im Jahr eine Veranstaltung abzuhalten.
Sie besteht darin, ihn das ganze Jahr über zu kennen und ihm zu folgen.
Seine Sīra zu studieren.
Seine Sunna zu lernen.
Ṣalawāt auf ihn zu sprechen.
Seinen Charakter nachzuahmen.
Seine Gebote zu befolgen.
Seine Verbote zu meiden.
Seine Familie und seine Gefährten zu ehren.
Seine Botschaft weiterzugeben.
Und vor allem: Allah so zu dienen, wie es der Gesandte Allahs ﷺ gelehrt hat.
Denn genau dafür wurde er gesandt.
Die Geburt des Propheten Muhammad ﷺ war ohne Zweifel eine gewaltige Gunst Allahs für die Menschheit. Durch ihn erreichte uns die letzte Offenbarung, und durch ihn lernte die Umma den Weg des Islams kennen.
Deshalb ist die Liebe zum Propheten ﷺ ein wesentlicher Bestandteil des Glaubens.
Aber gerade weil wir ihn lieben, müssen wir darauf achten, wie wir diese Liebe religiös zum Ausdruck bringen.
Der Prophet ﷺ wusste um seine eigene Geburt. Er erinnerte daran, dass er an einem Montag geboren wurde, und er drückte seine Dankbarkeit gegenüber Allah durch das Fasten am Montag aus.
Er führte jedoch keinen jährlichen Geburtstag als religiöses Fest ein.
Seine Ṣaḥāba, die ihn am meisten liebten, taten es ebenfalls nicht.
Auch die frühen Generationen der Muslime machten seinen Geburtstag nicht zu einem jährlich wiederkehrenden religiösen Fest.
Daher ist die entscheidende Schlussfolgerung:
Die jährliche Feier des Mawlid als religiöses Fest ist eine Bidʿa, also eine religiöse Neuerung.
Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch, der daran teilnimmt, keine Liebe zum Propheten ﷺ besitzt. Ebenso bedeutet es nicht, dass jede Handlung, die bei einer solchen Zusammenkunft vorgenommen wird, an sich verboten wäre.
Es bedeutet vielmehr, dass die besondere jährliche religiöse Feier des Geburtstages des Propheten ﷺ keine Grundlage in der Sunna des Propheten ﷺ und in der Praxis seiner Gefährten hat.
Wer den Propheten ﷺ wirklich liebt, braucht deshalb keinen neu eingeführten Feiertag.
Er hat die Sunna.
Er hat die Sīra.
Er hat die Ṣalawāt.
Er hat das Fasten am Montag.
Und er hat die Aufforderung Allahs:
„Wenn ihr Allah liebt, dann folgt mir, so wird Allah euch lieben.“
(Qurʾān 3:31)
Möge Allah uns die aufrichtige Liebe zu Seinem Gesandten ﷺ schenken und uns dazu befähigen, ihm so zu folgen, wie es ihm ﷺ gebührt.
Wa-Llāhu aʿlam wa bi-Llāhi t-Tawfīq.
Und Allah weiß es am besten, und mit Allah ist der Erfolg.