Itikaf und Lailatul Qadr

Zwei Drittel des Ramadan sind bereits verstrichen. Wie alle freudigen Tage vergingen auch sie für uns fastende Gläubige wie im Flug. Und wie bei vielem anderen auch hat das Ende des Ramadan, hier das letzte Drittel, eine ganz besondere Bedeutung.

Die letzten zehn Tage im Ramadan sind die Zeit, aus der wir das meiste herausholen können und der wir uns deshalb ganz besonders aufmerksam zuwenden sollten. Und zwar durch

    1. vermehrten Gottesdienst in den letzten Nächten des Ramadan
    2.  den Itikaf (dass wir uns in die Moschee zurückziehen)
    3. die Lailatul Qadr und viele Gottesdienste ihn ihr

1. Vermehrter Gottesdienst in den letzten Nächten des Ramadan

Die letzten zehn Nächte des Ramadan erfüllen uns mit Hoffnung und Freude; manche von uns sind sogar in fiebriger Erwartung einer Nacht, die in diese Zeit fällt. Deshalb bieten sich diese letzten zehn Tage besonders an, sich vermehrt mit Ibadat, Gottesdiensten, zu beschäftigen; auch weil wir uns bereits durch das Fasten an eine gewisse Disziplin in den Ibadat gewöhnt haben.

A’ischa, Allahs Wohlgefallen auf ihr (r), hat gesagt:

Der Gesandte Allahs (s), pflegte, wenn die zehn (letzten Nächte) des Ramadan kamen, sein Gewand (zum Gebet) herzurichten und die Nacht über zu wachen und seine Familie aufzuwecken.“ (Buchari).

Prophet Muhammad (s) hatte sich im Ramadan in die Höhle Hira zurückgezogen, auch schon bevor er (s) als Gesandter auserwählt wurde und vor der Offenbarung des Korans. Dort hatte er (s) eine gewisse Zeit verbracht, um zu meditieren und nachzudenken. So wurde er auch auf die schwere Zeit der späteren koranischen Offenbarung vorbereitet.

In den letzten zehn Tagen des Ramadan sollten wir vermehrt beten, im Koran lesen und versuchen zu verstehen, was wir da lesen. Wir sollten auch viel an Allah denken und über Ihn nachdenken, genauso wie über Seine Schöpfung. Diese letzten Tage sind auch die beste Zeit, um Allah zu bitten. Unsere Duas werden inschallah angenommen. So können wir wieder auftanken. Und wir folgen damit dem Vorbild unseres Propheten, Muhammed (s).

2. Itikaf

A’ischa (r), die Ehefrau des Propheten (s) berichtete von ihm (s), dass er (s): „pflegte, sich in den letzten zehn Tagen des Monats Ramadan zurückzuziehen, bis Allah, der Erhabene, ihn sterben ließ. Nach seinem Tod pflegten sich auch seine Frauen zurückzuziehen.“ (Buchari)

Itikaf bedeutet dem Wort nach „sich an einen Ort verschließen und warten“. Als islamischer Fachbegriff bedeutet der Itikaf, sich in eine Moschee zu begeben, um sich – wenn auch nur für kurze Zeit – von Sünden und Verfehlungen zu entfernen. Gleichzeitig sollten wir versuchen, Harmonie und innere Ausgeglichenheit zu finden und uns so nur auf Allah zu konzentrieren.

Allah hat uns den Itikaf als Chance gegeben, damit wir uns auf die Situation im Grab vorbereiten können, bevor wir wieder auferstehen. Dort sind wir allein und haben niemanden außer Allah. Es wird niemand da sein, der uns Trost schenkt oder bei dem wir Zuflucht finden, außer Allah.

Der große Gelehrte Atâ bemerkte: „Jemand, der sich in den Itikaf begibt, ist wie jemand, der sich vor die Tür eines großen Königs begibt, weil er von ihm etwas braucht und sagt: ‚Solange mein Bedürfnis nicht gestillt wird, werde ich nicht von hier weichen’. Und dieser ist in die Moschee eingetreten und sagt: ‚Wenn Du mir nicht vergibst, dann weiche ich nicht von dieser Stelle’”.

Für einen Gläubigen, der unter erhöhtem Druck steht und stark unter Stress steht, kann der Itikaf zu einem Ruhepunkt und zu einer „geistigen und seelischen Erholung“ werden – gerade in diesen schwierigen Zeiten. Es ist, als ob wir in durch den Itikaf die „Himmelfahrt üben“ und bei Allah Zuflucht suchen mit unseren Gebeten und Duas. Mit diesen und anderen Gottesdiensten ergeben wir uns vollends und freiwillig Allah.

Der Itikaf befreit uns für einige Tage von störenden Einflüssen, wie ein Übermaß an Essen, geschlechtlichen Beziehungen, Reden, Schlafen usw. Wenn wir diese Störfaktoren auf ein Mindestmaß reduzieren, ist der Weg frei für unsere Zeit mit Allah.

Deswegen ist es empfehlenswert, dass wir mindestens einmal im Leben in den Itikaf gehen, wenn möglich natürlich öfter. Es sollten aber immer einige Muslime in der Moschee sein, die diese Sunnah im letzten Drittel des Ramadan pflegen.

Da wir in den ersten  zwanzig Tagen des Ramadan bereits unsere Sinne und unseren Geist für das Wesentliche geschärft haben, können wir im letzten Drittel des Ramadan während des Itikaf eine größere Hingabe und Demut in den Gottesdiensten erreichen.

Es wird berichtet, dass Ibn Abbas (r) einmal vor dem Grab des Propheten (s) stand, darauf deutete und folgendes sagte: „Ich hörte den, der hier im Grab liegt, folgendes sagen: ‚Wer einen Tag in den Itikaf geht, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen, für den wird Allah eine Entfernung von drei großen Graben zwischen ihm und dem Feuer legen, die größer sind als (die Entfernung) zwischen Ost und West.’“ (Baihaqi, Tabarani).

Wir lernen durch den Itikaf, das diesseitige Leben im Vergleich zum Jenseits zu bewerten. Der Itikaf kann uns als Prüfstein dafür dienen, ob wir uns auf dem rechten Weg befinden. In diesen Tagen können wir den Staub der Welt abklopfen. Obwohl es im Islam kein Mönchtum gibt, ist es eine gute Sache, wenn wir uns für zehn Tage in der besten Zeit des Jahres zurückziehen.

3. Die Lailatul Qadr und viele Gottesdientse in ihr

Wir haben ihn ja herabgesandt in der Nacht der Bestimmung. Und was lässt dich wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate, Es kommen die Engel herab und der Geist in ihr, mit der Erlaubnis ihres Herrn, zu jeder Angelegenheit, Frieden ist sie, bis zum Aufgehen der Morgendämmerung.“ (97:1-5)

Abu Huraira (r) erzählt, dass Allahs Gesandter (s) gesagt hat: ‚Wer die Lailatul Qadr über (im Gebet) steht und auf sie trifft im Glauben und Hoffnung (auf den Lohn des Jenseits), dem wird vergeben, was von seinen Sünden vorausgegangen ist.“ (Muslim).

’Ubada ibn as-Samit hat gesagt: „Der Prophet (s) kam heraus, um uns über die Lailatul Qadr zu unterrichten. Da stritten sich zwei Männer von den Muslimen, und er sagte: ‚Ich bin herausgekommen, um euch über die Lailatul Qadr zu unterrichten, und der und der haben sich gestritten, und es (1) wurde von mir genommen, und das ist wohl gut für euch, also sucht sie in der neunten, der siebten und der fünften (Nacht) (2)“ (Buchari).

Anas ibn Malik (r) berichtete: „Der Gesandte Allahs (s) sagte: ‚Wer immer, bis der Ramadan zu Ende geht, das Abend- und Nachtgebet mit der Gemeinschaft verrichtet, der wird in der Lailatul Qadr viel Freude daran empfinden.’” (Baihaqi).

Die Lailatul Qadr ist für die Gläubigen Sicherheit und Schutz. Sie ist Güte und Frieden. Die Lailatul Qadr ist der Kern und die Quelle des Ramadan, denn in dieser Nacht kam der Koran vom Lauh Mahfudh (der wohlverwahrten Tafel (3) in die Himmel der Menschen herab und der Engel Dschibril brachte dem Propheten Muhammad (s) die ersten offenbarten Verse. Von da an wurde der Koran, die allumfassende Wahrheit und der Kern der Barmherzigkeit für die Menschen, nach und nach offenbart. Aus diesem Grund ist diese Nacht besser als tausend Monate oder als ein ganzes Menschenleben.

Wer diese gesegnete Nacht verpasst, der hat fürwahr eine große Chance vertan. So ist es nach dem zitierten Hadith dringend empfohlen, dass wir die Lailatul Qadr in den letzten zehn Tagen der ungeraden Nächte im Ramadan zu suchen.

Anas (r) berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) gesagt hat: „Wenn die Lailatul Qadr anbricht, kommt Dschibril in Begleitung von Engeln herab und bittet um Barmherzigkeit für den Diener(Allahs), der sich mit Gottesdiensten beschäftigt und Allahs gedenkt, während er steht oder sitzt.“ (Baihaqi).

Es gibt eine wunderbare Überlieferung, in der die Mutter der Gläubigen, A’ischa (r), den Propheten (s) fragte: „O Gesandter Allahs, wenn ich weiß, welche Nacht die Lailatul Qadr ist, was sollte ich dann sagen?“ Er wies sie dann an zu sprechen: Allahumma innaka ’afuwwun tuhibbul ’Afwa fa’fu ’anni.(Ahmad, Ibn Madscha, Tirmidhi). Das bedeutet: O Allah, Du bist der Vergebende, und Du liebst die Vergebung, so vergib mir.

Die beschriebene Nacht hat einen „Wert“ von über tausend Monaten oder – anders ausgedrückt – von mehr als 83 Jahren! Ein aufrichtiger Gläubiger, der sich Tag und Nacht wegen seiner Sünden Sorgen macht, erwartet geduldig und voller Freude diese Nacht im Ramadan. Er hofft, in dieser Nacht Vergebung zu finden, da sein Gottesdienst in dieser Nacht einem Gottesdienst von mehr als 83 Jahren gleichkommt, also vielleicht sogar mehr als einem ganzen Menschenleben. Wenn sein Gottesdienst angenommen wird, kann er mit einem Schlag sämtliche vorherigen Sünden auslöschen.

Der Gottesdienst in dieser Nacht kann unterschiedlich gestaltet werden. Wenn Du arbeitest, solltest Du Dir nach Möglichkeit den folgenden Tag frei nehmen, um an diesem Abend lange wach bleiben zu können. Das wäre besser, weil die Nacht in der Regel ausgefüllt ist mit längeren Gebeten, Koranlesen und Dhikr. Du solltest aber während der Gottesdienste auch auf Unterbrechungen und Pausen achten.

Nur wenn wir unsere Herzen von Gier, Eitelkeit, Neid und Bosheit gereinigt haben und unsere Herzen der Liebe zur Wahrheit, der Schönheit und Gerechtigkeit Platz gemacht haben, können wir hoffen, dass Allah uns vergibt und hilft. So sollten wir alle in dieser historischen und heiligen Nacht, wenn Allah Seine Engel herabsendet, darum beten, dass Allah unsere Gebete erhört und uns Vergebung schenkt.

Möge Allah unsere Herzen reinigen, unseren Glauben stärken und uns befähigen, jegliche Hindernisse auf dem Weg zu Ihm zu überwinden. Möge Er uns gestatten, nur Ihm in unseren Handlungen zu dienen, sowohl mit unserer Arbeit, in der Schule oder im Studium, in unserer Familie und auch sonst überall. Möge Er es uns ermöglichen, wenn die Zeit kommt, endgültig zu Ihm zurückzukehren, mit denen zusammen zu sein, die Er liebt und die Ihn lieben.

Möge Er uns in der Lailatul Qadr mit Segen und Barmherzigkeit überhäufen und uns mit Seinen größten Gaben versorgen. Amin.

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